• Antimuslimischer Rassismus: ein sinnvoller Begriff – und warum man ihn nicht den Lautesten überlassen sollte

    Stell dir vor, du steigst in die U-Bahn, wirst angepöbelt – nicht wegen dem, was du glaubst oder tust, sondern wegen dem, was andere in dir sehen wollen. Genau um diese Mechanik geht es, wenn heute von antimuslimischem Rassismus die Rede ist: Menschen werden „als muslimisch“ markiert – über Namen, Aussehen, Sprache, Herkunft, manchmal über Kleidung – und diese Zuschreibung wird dann zur Begründung für Abwertung, Ausgrenzung oder Benachteiligung. Der entscheidende Punkt dabei: Betroffen sind nicht nur religiöse Musliminnen, sondern ausdrücklich auch Menschen, die **für Musliminnen gehalten** werden. 1

    Dass ausgerechnet dieser Begriff in Neukölln so hochkochte, ist kein Zufall. Er ist in der SPD Neukölln zum Streitfall geworden – rund um Bezirksbürgermeister Martin Hikel, dem parteiintern vorgeworfen wurde, den Begriff bewusst zu vermeiden. 2 Und die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balcı ging noch weiter: Sie nennt „antimuslimischer Rassismus“ einen „Kampfbegriff“ und behauptet, wer so spreche, wolle Antisemitismus relativieren und Islamismus verharmlosen. 3

    Dieser Text versucht beides: den Begriff so zu erklären, dass man keinen Uni-Kater davon bekommt – ohne den Inhalt weichzuspülen – und gleichzeitig die Kritik ernst zu nehmen, ohne in Sprachflucht oder Lagerdenken zu enden.


    1) Worum es beim Begriff wirklich geht: Zuschreibung, nicht Theologie

    Ein häufiger Kurzschluss lautet: „Islam ist doch keine Rasse – wie kann das dann Rassismus sein?“ Dazu gleich mehr. Vorher muss man verstehen, was der Begriff im Kern beschreibt.

    Seriöse Definitionen – etwa in der Antwort der Bundesregierung auf eine Große Anfrage im Bundestag sowie in der politischen Bildungsarbeit – machen den Mechanismus klar: Antimuslimischer Rassismus richtet sich gegen Muslim*innen und gegen Menschen, die als muslimisch wahrgenommen werden, unabhängig von ihrer tatsächlichen Religionszugehörigkeit. 1, 4

    Das ist nicht Wortklauberei, sondern der Punkt, an dem viele Debatten entgleisen. Wer meint, es gehe nur um „Religionskritik“, redet am Kern vorbei: Diskriminierung funktioniert in der Praxis selten so, dass jemand erst einen Tauf-/Moschee-/Synagogenregisterauszug verlangt. Es reicht, dass jemand „dich in eine Schublade steckt“.


    2) Ein greifbares Beispiel: ein irakischer Ezide, der als „Muslim“ gelesen wird

    Nehmen wir einen Fall, der die Logik ohne Theorie erklärt:

    Ein Mann kommt aus dem Nordirak, spricht Kurdisch, hat einen arabisch klingenden Namen. Er ist Ezide (Êzîdî) – also Angehöriger einer eigenen Religion. Trotzdem begegnen ihm im Alltag Sprüche, Misstrauen oder Zurückweisung, weil andere ihn schlicht als „Muslim“ einsortieren.

    Das ist keine reine Gedankenübung. In einem Material zu jesidisch-muslimischen Begegnungen wird ausdrücklich beschrieben, dass Jesid*innen in Deutschland teils von Teilen der Mehrheitsbevölkerung als Muslime wahrgenommen werden – und dass ihnen gegenüber dann antimuslimischer Rassismus offen ausgelebt wird. 5

    Damit ist die Sache eigentlich schon erklärt: Der Begriff beschreibt eine soziale Zuschreibung, keine religiöse Eigenschaft.

    Und jetzt kommt der Zusatz, der in der aktuellen Debatte wichtig ist: Wenn der Begriff korrekt verstanden wird, kann prinzipiell jede Person betroffen sein, die als „muslimisch“ gelesen wird – auch wenn sie es nicht ist. In diesem Sinn kann (je nach Kontext, Name, Herkunftszuschreibung) auch ein sephardischer Jude, ein italienischer Katholik oder ein orthodoxer Kasache Ziel antimuslimischer Abwertung werden – nicht weil sie muslimisch wären, sondern weil andere sie dafür halten. Genau diese Logik steht in den Standarddefinitionen („für Muslim*innen gehalten“). 6

    Das ist wichtig für den Balcı-Punkt: Ihre These, der Begriff diene grundsätzlich zur „Verschleierung“ von Antisemitismus, ist so pauschal nicht haltbar. Der Begriff ist – korrekt ausgelegt – kein „Muslime vs. Juden“-Framing, sondern ein Werkzeug, um ein bestimmtes Zuschreibungs- und Diskriminierungsmuster sichtbar zu machen. Das ersetzt Antisemitismus nicht, relativiert ihn nicht automatisch und nimmt ihm nichts weg – es beschreibt etwas anderes. (Missbrauch ist möglich, dazu später.)


    3) „Es gibt doch keine Rassen!“ – warum dieses Argument in der Praxis oft eine Nebelkerze ist

    Kommen wir zu dem Satz, der in solchen Debatten wie ein Joker gezogen wird:

    „Es gibt keine Rassen, also gibt es keinen Rassismus.“

    Biologisch stimmt vieles daran: „Menschenrassen“ sind keine sinnvolle naturwissenschaftliche Einteilung. Nur folgt daraus nicht, dass Diskriminierung verschwindet. Moderne Forschung dreht die Kausalität um – und zwar sehr klar:

    Die Jenaer Erklärung (Friedrich-Schiller-Universität Jena) formuliert es knapp und hart: Für „Rasse“ bezogen auf menschliche Gruppen gebe es keine biologische Begründung – und: „Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.“ 7

    Heißt im Klartext: Rassismus braucht keine Biologie, um zu funktionieren. Er braucht Macht zur Einteilung, zur Abwertung, zum Ausschluss. Die Kategorien werden notfalls nachgeliefert – früher offen biologistisch, heute oft über „Kultur“, „Werte“, „Identität“.

    Und genau hier wird der Satz „keine Rassen“ in politischen Debatten häufig missbraucht: nicht als Biologie-Lektion, sondern als Diskussionsabbruch. Plötzlich redet man nicht mehr über Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt oder über pauschales Misstrauen in Behörden, sondern über die Zulässigkeit eines Wortes. Das ist bequemer – aber es löst nichts.


    4) Bedeutungswandel ist normal: Warum „Rassismus“ auch ohne „Rassen“ Sinn ergibt

    Die „Islam ist keine Rasse“-Kritik wirkt oft wie Präzision, ist aber häufig eine Art Scheinpräzision. Sprache bleibt nicht ewig an der wörtlichen Ursprungsidee hängen.

    Alltagsbeispiel: „Sonnenaufgang“.
    Wir sagen das, obwohl die Sonne nicht „aufgeht“, sondern die Erde rotiert. Das Wort ist nicht „falsch“, es ist ein stabiler Ausdruck für ein beobachtetes Phänomen. Genau so funktioniert Sprache.

    Genauso ist „Rassismus“ heute – in seriöser Verwendung – nicht mehr an „Rassenbiologie“ gebunden, sondern beschreibt Prozesse von Rassifizierung, also die Herstellung von Gruppen als „wesensmäßig anders“ und minderwertig. Das kann biologistisch passieren, kann aber auch über Kultur/Religion laufen. Der Begriff Kulturrassismus („Rassismus ohne Rassen“) wird in einem Glossar der Universität Heidelberg sehr verständlich erklärt: Statt „Rassen“ werden „unveränderliche Kulturdefizite“ behauptet, die Abwertung bleibt. 8


    5) Das „Evolution ist doch nur eine Theorie“-Gleichnis: Wie Begriffe im Alltag verdreht werden (und warum das kein Argument gegen den Inhalt ist)

    Du kennst das Muster: „Evolution ist doch nur eine Theorie!“
    Im Alltag heißt „Theorie“ oft „Vermutung“. In der Wissenschaft meint „Theorie“ dagegen ein breit gestütztes Erklärungsmodell, das viele Befunde zusammenführt. Die Encyclopaedia Britannica erklärt das sauber. 9

    Was passiert hier? Ein Begriff aus dem Fachkontext bekommt im Alltag eine andere Färbung – und genau diese Verschiebung wird dann politisch oder ideologisch ausgenutzt.

    Bei „antimuslimischem Rassismus“ läuft es ähnlich: Fachlich meint er Zuschreibung + Diskriminierungsfolgen. Im Schlagabtausch wird er manchmal so umgedeutet, als wolle er jede Islamkritik verbieten oder Islamismus unsichtbar machen. Das ist eine Verzerrung – so wie bei „Theorie“.

    Der richtige Schluss lautet deshalb nicht: „Dann ist der Begriff wertlos“, sondern: Dann muss man ihn erklären und eingrenzen, statt ihn wegzuwerfen.


    6) „Das ist doch akademisch“ – warum dieses Abwertungslabel gefährlich ist

    „Akademisch“ wird in Debatten oft benutzt wie ein Stoppschild: „abgehoben“, „realitätsfern“, „Ideologie“. Das Problem ist: So kann man jeden Versuch, präzise über Diskriminierung zu sprechen, delegitimieren – und landet wieder bei Bauchgefühl und Empörung statt Analyse.

    Gerade hier ist Präzision aber praktisch: Wenn Begriffe unspezifisch genutzt werden, verlieren sie ihren Nutzen – das wurde auch in einem Wortprotokoll im Berliner Abgeordnetenhaus betont: Unspezifische Nutzung von Begriffen wie Rassismus/Diskriminierung/Feindlichkeit untergräbt die demokratische Debatte. 10

    Übersetzt: Wenn wir alles nur noch als „akademisch“ abtun, werden wir blind für Muster – und am Ende gewinnen die, die am lautesten vereinfachen.


    7) Der faire Teil der Kritik: Instrumentalisierung ist möglich – aber Sprachflucht ist die falsche Antwort

    Balcı hat zumindest in einem Punkt nicht Unrecht: Begriffe können instrumentalisiert werden. Sie können als Keule benutzt werden, um Diskussionen abzuwürgen; sie können in ideologischen Konflikten als Schutzschild missbraucht werden.

    Dazu gibt es sogar seriöse Hinweise in der politischen Bildungsarbeit: Die bpb hat sich z.B. explizit mit der Frage beschäftigt, wie antimuslimischer Rassismus als islamistisches Mobilisierungsthema instrumentalisiert werden kann. 11

    Aber: Aus „Missbrauch ist möglich“ folgt nicht „Begriff weg“. Denn das wäre ein gefährliches Prinzip: Wer am dreistesten verdreht, bestimmt am Ende die Sprache. Die bessere Reaktion lautet: Definition, Abgrenzung, Klarheit.

    Und diese Abgrenzung ist eigentlich einfach:

    • Islamkritik ist legitim (Ideen sind kritisierbar).

    • Diskriminierung von Menschen aufgrund zugeschriebener Muslim-Identität ist ein eigenes Problem – benennbar, messbar, politisch bearbeitbar. 6, 4


    8) Warum daraus keine „blutigen Kämpfe“ in Parteien werden sollten

    Dass in einer Partei hart gestritten wird, ist normal. Problematisch wird es, wenn ein Analysebegriff zum Lagerabzeichen wird: „Wenn du das Wort nicht sagst, bist du X.“ Oder umgekehrt: „Wenn du das Wort sagst, bist du Y.“

    Beides ist unerquicklich – weil es die Debatte moralisiert und entkoppelt von der Realität. Der erwachsene Umgang wäre:

    1. Anerkennen, dass es das Diskriminierungsmuster gibt (Zuschreibung + Folgen).

    2. Den Begriff erklären, statt ihn als Loyalitätstest zu verwenden.

    3. Kritik an Instrumentalisierung zulassen, ohne gleich das Phänomen zu leugnen.

    4. Und bei allen Konflikten im Kopf behalten: Sprache ist Mittel zur Verständigung, nicht die eigentliche Welt.


    FAQ-Kästchen (für ans Ende des Blogposts)

    Darf man den Islam kritisieren, ohne „rassistisch“ zu sein?
    Ja. Religionskritik ist legitim. „Antimuslimischer Rassismus“ zielt nicht auf Kritik an Ideen, sondern auf die pauschale Abwertung und Benachteiligung von Menschen, die als muslimisch markiert werden. 4

    Warum heißt es „Rassismus“, wenn Islam keine „Rasse“ ist?
    Weil Rassismus nicht an Biologie hängt. Die Jenaer Erklärung sagt es klar: Es gibt keine biologischen „Menschenrassen“, und dennoch existiert Rassismus – ja mehr noch: „Rasse“ ist Ergebnis von Rassismus, nicht dessen Voraussetzung. 7

    Was heißt „als muslimisch wahrgenommen“ konkret?
    Dass auch Nicht-Musliminnen betroffen sein können, wenn sie für Musliminnen gehalten werden – z.B. über Name, Aussehen, Sprache. Das steht ausdrücklich so in Bundestagsmaterialien und wird in der bpb-Darstellung mit dem „von außen markiert“-Phantasma erklärt. 6, 4

    Hast du ein Beispiel?
    Jesidinnen: Es wird beschrieben, dass Jesidinnen in Deutschland teils als Muslime wahrgenommen werden und dann antimuslimische Abwertung erleben. 5

    Relativiert der Begriff Antisemitismus – wie Balcı behauptet?
    So pauschal überzeugt das nicht. Der Begriff beschreibt ein Zuschreibungsmuster, das auch Nicht-Musliminnen treffen kann, sobald sie als muslimisch gelesen werden (z.B. auch sephardische Juden in bestimmten Kontexten). Antisemitismus bleibt davon unabhängig ein eigenes Problem. Grundlage ist die Definition „für Musliminnen gehalten“. 6, 3

    1. Deutscher Bundestag, Drucksache 19/17069 (06.02.2020): „Antimuslimischer Rassismus trifft Menschen, weil sie für Musliminnen oder Muslime gehalten werden …“ https://dserver.bundestag.de/btd/19/170/1917069.pdf[][]
    2. Süddeutsche Zeitung (09.11.2025): „SPD-Bürgermeister in Neukölln Martin Hikel: Eklat erschüttert die Berliner SPD“ (Bericht zu parteiinternem Streit, u.a. Begriff „antimuslimischer Rassismus“).
      https://www.sueddeutsche.de/politik/spd-berlin-eklat-martin-hikel-neukoelln-clan-kriminalitaet-li.3336352[]
    3. ZEIT Online / dpa (12.11.2025): „Neuköllner Integrationsbeauftragte kritisiert die SPD“ (Zitat Balcı: „Kampfbegriff … Antisemitismus relativieren … Islamismus“).
      https://www.zeit.de/news/2025-11/12/neukoellner-integrationsbeauftragte-kritisiert-die-spd
      Ergänzend: Tagesspiegel (12.11.2025) zur Einordnung/weiteren Zitaten:
      https://www.tagesspiegel.de/berlin/neukollns-integrationsbeauftragte-verteidigt-hikel-teile-der-spd-wollen-nicht-dass-islamistische-strukturen-bekampft-werden-14821004.html[][]
    4. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb):
      – „Antimuslimischer Rassismus heute – eine Bestandsaufnahme“ (10.10.2019): „von außen als muslimisch markiert“, „Phantasma“.
      https://www.bpb.de/themen/rassismus-diskriminierung/tagung-antimuslimischer-rassismus-2019/298337/antimuslimischer-rassismus-heute-eine-bestandsaufnahme/
      – „Was ist antimuslimischer Rassismus?“ (17.12.2019) (Serie).
      https://www.bpb.de/themen/infodienst/302514/was-ist-antimuslimischer-rassismus/[][][][]
    5. Vielfalt-Mediathek (Material): „JE-MU Magazin – Jesidisch-muslimische Begegnungen“ (Passage: Jesid:innen werden als Muslime wahrgenommen und antimuslimischer Rassismus wird an ihnen ausgelebt).
      https://www.vielfalt-mediathek.de/material/je-mu-magazin-jesidisch-muslimische-begegnungen[][]
    6. Deutscher Bundestag, Drucksache 19/17069 (06.02.2020): „Antimuslimischer Rassismus trifft Menschen, weil sie für Musliminnen oder Muslime gehalten werden …“
      https://dserver.bundestag.de/btd/19/170/1917069.pdf[][][][]
    7. Friedrich-Schiller-Universität Jena (2019): „Jenaer Erklärung – Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung“.
      https://www.uni-jena.de/unijenamedia/60675/jenaer-erklaerung.pdf[][]
    8. Universität Heidelberg (UNIFY), Glossar: Begriff „Kulturrassismus“ / „Rassismus ohne Rassen“ (Stuart Hall; unveränderliche Kulturdefizite statt „Rassen“).
      https://www.unify.uni-heidelberg.de/de/vielfalt/ethnische-kulturelle-nationale-herkunft/glossar[]
    9. Encyclopaedia Britannica (15.12.2025): „Scientific theory“ – Bedeutung von „Theorie“ als evidenzgestütztes Erklärungsmodell.
      https://www.britannica.com/science/scientific-theory[]
    10. Abgeordnetenhaus von Berlin, Wortprotokoll Enquete (11.07.2025): Hinweis, dass unspezifischer Gebrauch von Begriffen (Rassismus/Diskriminierung/Feindlichkeit) ihren Nutzen untergräbt.
      https://www.parlament-berlin.de/ados/19/enko/protokoll/en19-005-wp.pdf[]
    11. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) – Radikalisierungsprävention (09.09.2019): „Antimuslimischer Rassismus als islamistisches Mobilisierungsthema“.
      https://www.bpb.de/themen/infodienst/295951/antimuslimischer-rassismus-als-islamistisches-mobilisierungsthema/[]
  • Vorwärts, nicht vorsichtig:

    Warum die SPD wieder sozialdemokratisch werden muss


    Einleitung: Vier Gesichter einer Krise

    Ama, 32, aus Ghana, hat Pflegewissenschaft studiert. In Deutschland fehlen Zehntausende Pflegekräfte, doch Ama sitzt im Deutschkurs. Seit Monaten wartet sie auf die Anerkennung ihres Abschlusses. Während sie Grammatik paukt, fallen in den Kliniken Überstunden an. Integration scheitert nicht am Willen, sondern an der Bürokratie.

    Dr. Arjun Kumar, 38, Herzchirurg aus Indien, bekam ein Jobangebot an einer deutschen Uniklinik. Doch er lehnte ab und ging nach Kanada. „Ich habe gesehen, wie stark die AfD geworden ist“, sagt er. „Ich will nicht, dass meine Kinder in einem Land aufwachsen, in dem Politiker über ‚Rückführungen‘ reden.“

    Thomas, Staplerfahrer in Sachsen-Anhalt, bekommt seine Schichtpläne per App. Algorithmen bestimmen, wann er arbeitet. Gewerkschaft? Zu schwach. Tarifvertrag? Fehlanzeige. „Manchmal frage ich mich, ob ich noch der Chef meines eigenen Lebens bin“, sagt er. Früher wählte er SPD, heute AfD – aus Frust, nicht aus Überzeugung.

    Maria, 27, Softwareentwicklerin aus Köln, steht am Anfang ihrer Karriere. Doch seit ihre Firma KI-gestützte Tools wie GitHub Copilot einsetzt, erledigt die Software Aufgaben, die früher ihr Team machte. Offiziell sind das „Effizienzgewinne“. Für Maria klingt es nach Bedrohung.

    Vier Geschichten, vier Perspektiven. Sie zeigen, wie sehr die SPD darum ringt, ihren Kern wiederzufinden: Verteilungsgerechtigkeit, Migration, Arbeit, Vertrauen.


    Kapitel 1: Die alte Angst vor der „Umverteilungspartei“

    Seit Jahrzehnten wird die SPD von der Union als „Umverteilungspartei“ attackiert. Von links wiederum wird ihr vorgeworfen, längst nicht mehr für Umverteilung einzutreten. Zwischen diesen Fronten hat sich ein Reflex festgesetzt: lieber gar nicht über Steuern reden, um nicht als „rote Steuerfalle“ zu gelten.

    Doch die Prügel kassiert sie ohnehin. Schon die Kindergrundsicherung wurde als „linkes Experiment“ diffamiert. Am Ende steht die SPD da wie eine Partei, die sich verteidigt, ohne Profil zu gewinnen.

    Dabei müsste sie gar nicht in alte Klassenkampfparolen zurückfallen. Es würde reichen, die soziale Marktwirtschaft ernst zu nehmen, wie sie einst Konrad Adenauer und Ludwig Erhard formulierten: eine Marktwirtschaft, die durch Umverteilung, Steuerprogression und Sozialstaat zusammengehalten wird. Dass heute schon die Forderung nach einer Vermögenssteuer als „linksradikal“ gilt, zeigt nur, wie sehr sich die politische Mitte verschoben hat.

    Wenn die SPD nicht erklärt, warum eine Vermögenssteuer fair ist, erklärt die Union, warum sie den „Mittelstand“ trifft. Wenn sie nicht sagt, dass Erbschaftssteuern Privilegien abbauen, erzählen Wirtschaftsverbände, dass Familienunternehmen sterben. Wahrnehmung ersetzt Argument.

    Umfragen zeigen, dass viele Menschen gerechtere Steuern wollen. Aber es fehlt eine Partei, die das klar und glaubwürdig vertritt. Genau hier könnte die SPD ihr Profil erneuern – nicht als Umverteilungsmaschine, sondern als Garant dafür, dass Demokratie ohne Fairness nicht stabil bleibt.


    Kapitel 2: Migration – doppelte Herausforderung

    Zuwanderung ist unvermeidbar. Jahr für Jahr warnen Institute, dass rund 400.000 Menschen netto gebraucht werden, um Arbeitsmarkt und Renten zu stabilisieren. Pflege, Handwerk, IT – überall fehlen Menschen.

    Und doch bleibt Migration das Dauerthema, bei dem Politik so tut, als ginge es vor allem um Begrenzung. Auch die SPD reiht sich oft in diesen Chor ein, aus Angst, als „Multikulti-Partei“ zu gelten.

    Ama erlebt die bürokratische Seite: Sie könnte längst auf einer Station arbeiten, doch endlose Anerkennungsverfahren halten sie fest.

    Dr. Kumar erlebt die gesellschaftliche Seite: Er hatte ein Jobangebot in Deutschland, entschied sich aber für Kanada – aus Angst vor dem politischen Klima und dem Aufstieg der AfD.

    Zwei Geschichten, ein Problem: ein Land, das hochqualifizierte Menschen durch Verfahren ausbremst und andere durch seine Stimmung abschreckt. Das Institut der deutschen Wirtschaft warnt, dass ein „fremdenfeindliches Klima“ Fachkräfte fernhält. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag spricht von einem Standortnachteil durch Rassismus.

    Migration ist damit doppelt gefährdet: bürokratisch zu langsam, gesellschaftlich zu unattraktiv. Genau hier könnte die SPD eine neue Erzählung anbieten: nicht ob Migration stattfindet, sondern wie sie gelingt – und warum Weltoffenheit keine Moralfrage ist, sondern eine Überlebensfrage für den Standort.

    Ihre historische Rolle war es einmal, die Arbeiterschaft mit der Demokratie zu versöhnen. Heute könnte sie die Gesellschaft mit Migration versöhnen – und zugleich das Signal aussenden: Wer hierherkommt, ist willkommen. Nicht nur als Arbeitskraft, sondern als Teil einer gemeinsamen Zukunft.


    Kapitel 3: Die Arbeit von morgen – und die Sprachlosigkeit der SPD

    Thomas, der Staplerfahrer, ist nur einer von Millionen. In ganz Deutschland verändert sich Arbeit – nicht langsam, sondern rasant. In Lieferdiensten, wo Fahrer über Apps gesteuert werden. In Callcentern, wo Algorithmen Gespräche überwachen. In Büros, wo KI Programmieraufgaben übernimmt.

    Maria, die Entwicklerin aus Köln, erlebt das hautnah. Ihr Team arbeitet inzwischen mit GitHub Copilot. Aufgaben, die früher Tage dauerten, erledigt die Software in Minuten. „Das ist beeindruckend“, sagt Maria. „Aber es macht uns auch austauschbarer.“

    Auch in der Industrie rollt die nächste Welle. Maschinen sind vernetzt, Fertigungsstraßen digital gesteuert. Wer nicht weitergebildet wird, bleibt zurück. Und während die einen fürchten, von KI ersetzt zu werden, kämpfen die anderen mit zu viel Arbeit und zu wenig Schutz. Plattformarbeiter – Kurierfahrer, Reinigungskräfte, Clickworker – sind offiziell selbstständig, in Wahrheit aber abhängig.

    Es gibt Antworten:

    • Recht auf Weiterbildung, damit Beschäftigte den Wandel mitgehen.
    • Recht auf Nichterreichbarkeit, damit Arbeit nicht zum Dauerstress wird.
    • Beschäftigtendatenschutz, damit KI nicht zur Überwachung wird.
    • EU-Plattformrichtlinie konsequent umsetzen, damit Scheinselbstständige echte Rechte erhalten.
    • Vier-Tage-Woche in Pilotprojekten erproben, um Produktivität und Lebensqualität zu verbinden.

    All das wären genuin sozialdemokratische Antworten – doch die SPD erzählt sie kaum. Arbeitsministerien verwalten, statt Visionen zu zeichnen.

    Dabei ist die Chance groß. Die SPD könnte zeigen: Arbeit im digitalen Zeitalter muss nicht unsicherer werden, sondern kann fairer werden – wenn Politik die Regeln setzt. Wandel heißt nicht Ohnmacht. Wandel heißt Gestaltung.


    Kapitel 4: Die stille Abwanderung zur AfD

    Samstagvormittag in Bitterfeld. Auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums verteilt die AfD Flyer. „Grenzen zu!“, „Mehr Geld für Deutsche!“. Zwischen Bratwurststand und Kinderflohmarkt bleiben viele stehen. Auch Thomas. „Die reden wenigstens so, dass man’s versteht“, sagt er. „Und die SPD? Die redet gar nicht mehr mit uns.“

    Die SPD verliert nicht an die Union oder die Grünen. Sie verliert an die AfD – und zwar nicht an überzeugte Rechtsextreme, sondern an Resignierte. Menschen, die früher SPD wählten, fühlen sich heute verlassen.

    Die Ursachen sind klar: Globalisierung und Deindustrialisierung haben ganze Regionen verändert. Schulen schließen, Buslinien verschwinden, Ärzte fehlen. In diese Lücken stößt die AfD mit einem simplen Narrativ: „Die da oben kümmern sich nicht um euch.“

    Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigen: Ökonomische Unsicherheit ist einer der stärksten Treiber rechtspopulistischer Einstellungen. Die Hans-Böckler-Stiftung belegt: Dort, wo Tarifbindung schwach ist, ist die Zustimmung zur AfD besonders hoch.

    Die Parallele zur Geschichte ist bitter: In den 1920er-Jahren drohte die Arbeiterschaft ins antidemokratische Lager abzudriften. Heute ist es die „arbeitende Mitte“.

    Die SPD könnte hier gegenhalten – nicht mit denselben Parolen, sondern mit einem Versprechen: Wir sehen euch. Wir sichern eure Arbeit. Wir investieren in eure Region. Wir lassen euch nicht allein. Aber dazu braucht es eine Sprache, die verstanden wird: klar, konkret, nahbar.

    Wenn die SPD diese Erzählung nicht zurückerobert, bleibt das Feld frei für die AfD. Und dann wiederholt sich die Geschichte – nicht aus Überzeugung, sondern aus Resignation.


    Kapitel 5: Europa zeigt, dass es geht — aber nicht ohne Risiko

    Wer behauptet, Sozialdemokratie sei ein Auslaufmodell, sollte sich in Europa umsehen. Dort gibt es Belege, dass sie gewinnen kann – wenn sie Mut und Profil hat. Doch gleichzeitig zeigen diese Beispiele auch: Reformen müssen wirken, sonst kehrt die Enttäuschung zurück.

    Großbritannien: Labour versprach mit dem „New Deal for Working People“ mehr Fairness. Nullstundenverträge einschränken, Gewerkschaften stärken – endlich wieder eine Partei, die über Respekt für Arbeit spricht. Doch 2025 steht Keir Starmer unter Druck: „Reform Britain“ wettert gegen Bürokratie, Unternehmer klagen, die Lebenshaltungskosten bleiben hoch. Ein Profil allein reicht nicht – es muss sichtbar wirken.

    Spanien: Die PSOE machte den unbefristeten Vertrag wieder zur Regel. Millionen Menschen haben heute mehr Sicherheit. Aber Teilzeit und prekäre Jobs wachsen. Die Reform brachte Fortschritt – aber auch neue Baustellen.

    Portugal und Dänemark: Stabilität und Profil zahlen sich aus. Costa gewann Vertrauen mit sozialer Verlässlichkeit, Frederiksen mit einer klaren Linie. Unterschiedliche Wege, gleiche Botschaft: Sozialdemokratie funktioniert, wenn sie Haltung beweist.

    Die Lehre:

    1. Reformen müssen spürbar sein. Einmalige Gesetze helfen nichts, wenn sie nicht im Alltag ankommen.
    2. Ehrlich bleiben. Keine Wunder versprechen – Mut und Klarheit überzeugen mehr.
    3. Profil zeigen. Sozialdemokraten gewinnen nicht, wenn sie wie konservative Kopien wirken.

    Für die SPD heißt das: Sie muss ihre Politik nicht neu erfinden. Aber sie muss sie sichtbar machen – und bereit sein, dafür zu kämpfen.


    Kapitel 6: Forschung und politische Analyse

    Empirie und Wissenschaft bestätigen, was Geschichte und Alltag zeigen: Soziale Gerechtigkeit ist die Grundlage demokratischer Stabilität.

    Ungleichheit gefährdet Demokratie.
    Der Ökonom Thomas Piketty zeigt, dass wachsende Vermögenskonzentration politische Radikalisierung fördert. In Deutschland besitzen die reichsten zehn Prozent mehr als die Hälfte des Vermögens, die unteren 50 Prozent fast nichts.

    Unsicherheit treibt Populismus.
    Die FES-Mitte-Studien belegen: Nicht nur Armut, auch Angst vor Abstieg macht Menschen anfällig für rechte Parolen.

    Tarifbindung stabilisiert Vertrauen.
    Die Hans-Böckler-Stiftung warnt: Nur noch rund 50 % der Beschäftigten sind tarifgebunden. Wo Tarifbindung fehlt, wächst die AfD.

    Internationale Vergleiche.
    Forscher wie Yascha Mounk zeigen: Demokratien geraten dort unter Druck, wo Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, dass Demokratie „nicht liefert“. In Skandinavien dagegen stabilisieren starke Sozialstaaten und Gewerkschaften das Vertrauen – selbst bei Herausforderungen wie Migration.

    Die Botschaft ist eindeutig:

    • Ungleichheit schwächt Demokratie.
    • Sicherheit stärkt sie.
    • Soziale Institutionen sind mächtiger als jede Imagekampagne.

    Für die SPD heißt das: Ihre Legitimation liegt nicht in „staatstragender Verantwortung“, sondern in der Fähigkeit, Sicherheit zu schaffen.


    Kapitel 7: Eine Agenda für Mut statt Vorsicht

    Die SPD muss sich entscheiden: Verwaltung oder Gestaltung. Vorsicht hat sie geprägt, doch Vorsicht bringt kein Profil.

    Verteilungsgerechtigkeit:

    • Vermögens- und Erbschaftssteuern reformieren.
    • Große Vermögen fair belasten.
    • Einnahmen in Bildung, Wohnraum und Pflege investieren.

    Migration:

    • Anerkennungsverfahren digital und schnell.
    • Chancenkarte ausbauen.
    • Integration mit Sprache, Arbeit, Wohnraum zusammendenken.
    • Klare Haltung gegen Rassismus.

    Arbeit:

    • Recht auf Weiterbildung, finanziert durch Zukunftsfonds.
    • Recht auf Nichterreichbarkeit.
    • Beschäftigtendatenschutzgesetz.
    • Plattformarbeit regulieren.
    • Vier-Tage-Woche in Pilotprojekten.

    Regionen:

    • Investitionspakt für strukturschwache Gegenden.
    • Transformationsfonds für Arbeitsplätze.
    • Kommunen stärken.

    Die SPD muss dabei ehrlich sein: Keine Wunder versprechen, sondern Orientierung geben. Mut, Dinge klar auszusprechen, könnte ihre größte Stärke werden.


    Kapitel 8: Vorwärts

    Die SPD war immer stark, wenn sie Mut hatte. Mut, Brüche nicht zu fürchten, sondern sie zu gestalten. Heute fehlt dieser Mut. Vorsicht baut keine Wohnungen, stopft keine Pflegelücken, schützt keine Jobs vor KI.

    Ama, Dr. Kumar, Thomas und Maria stehen für die zentralen Aufgaben: Anerkennung, Weltoffenheit, soziale Sicherheit, Zukunft der Arbeit.

    Doch die SPD regiert mit einer CDU unter Friedrich Merz. Jede Initiative wird sofort als „linkes Experiment“ geframet. Die Union blockiert, die FDP ruft nach „Wettbewerbsfähigkeit“. Am Ende bleibt oft nur der kleinste Nenner.

    Das ist die Herausforderung: Kompromisse machen, ohne das eigene Profil zu verlieren. Kurzfristig regieren – und zugleich langfristig Orientierung geben. Menschen müssen wissen, wofür die SPD kämpft, auch wenn nicht alles sofort umsetzbar ist.

    Die SPD muss dafür nicht Marx neu aufschlagen. Es reicht, sich auf das zu besinnen, was Adenauer und Erhard selbstverständlich fanden: eine soziale Marktwirtschaft, die Wohlstand verteilt und Demokratie stabilisiert.

    Die SPD wird nicht durch Vorsicht überleben. Sie wird überleben durch Mut: Mut, wieder sozialdemokratisch zu sein. Mut, Wandel nicht zu fürchten, sondern Vertrauen zu schaffen.

    Vorwärts.

  • George Orwell – Antifaschistischer Sozialist, nicht rechter Vordenker

    George Orwell war ein Linker und Antifaschist – kein Vordenker der deutschen Rechten. Tatsächlich kämpfte Orwell 1936/37 im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco und seine Truppen und schloss sich den antistalinistischen Kommunisten (POUM) an (sueddeutsche.de). Als Schriftsteller bekannte er sich ausdrücklich zum demokratischen Sozialismus. Er schrieb 1946 in seinem Essay „Why I Write“ über sich selbst: „Jede ernsthafte Zeile, die ich seit 1936 zu Papier brachte, ist […] gegen den Totalitarismus und für den demokratischen Sozialismus geschrieben worden.“ (rosalux.de) (news.stanford.edu). Dieser Hintergrund ist zentral, wenn man Orwells spätere Werke wie „Animal Farm“ oder „1984“ betrachtet: Sie sind Warnungen vor Totalitarismus und Machtmissbrauch, nicht gegen Sozialstaat oder Umweltpolitik gerichtet.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:George_Orwell_press_photo.jpg Abb. 1: George Orwell um 1943 – zu jener Zeit kämpfte er als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg gegen Faschismus (sueddeutsche.de; sueddeutsche.de).

    Orwells Biografie und politische Haltung

    George Orwell, geboren als Eric Arthur Blair (1903–1950), wuchs zunächst in Indien auf und arbeitete später als Polizist in Burma. Diese Erfahrungen weckten in ihm kritisches Denken über Imperialismus und Macht. Mit Beginn des Spanischen Bürgerkriegs 1936 zog Orwell – „von sozialistischen Idealen erfüllt“sueddeutsche.de – mit seiner Frau Jenny in den Krieg, um die spanische Republik gegen den faschistischen Putsch unter General Franco zu verteidigen. Er kämpfte in Barcelona in einer Miliz der POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista), einer marxistischen, aber anti-stalinistischen Gruppe. Dabei erlebte er, wie stalinistisch geführte Kommunisten linke Antifaschisten verfolgen – eine Erfahrung, die er später in „Homage to Catalonia“ literarisch verarbeitete. Ein Granatsplitter verletzte ihn 1937 schwer, doch er überlebte und kehrte nach England zurück (sueddeutsche.de).

    Später, als kranker Schriftsteller in England, engagierte sich Orwell politisch. Er war Mitglied der Independent Labour Party, lehnte jedoch den Vaterlandsbegriff vieler Intellektueller ab und wandte sich 1941 im Essay „The Lion and the Unicorn: Socialism and the English Genius“ nochmals öffentlich dem Sozialismus zu. Darin betonte er, dass man „den Krieg nicht gewinnen“ könne, „ohne den Sozialismus einzuführen, noch den Sozialismus einrichten, ohne den Krieg zu gewinnen“ (libcom.org). Orwell betrachtete Freiheit und Demokratie als untrennbar mit sozialistischer Umverteilung verknüpft: Ohne strukturellen Machtwechsel blieben Faschismus oder autokratische Herrschaft verheerende Gefahren. Seine politische Zielsetzung zeigt sich in den eigenen Worten: Orwell erklärte, dass der wichtigste Grund, warum er überhaupt schrieb, politischer Natur sei – er verfolgte bewusst einen politischen Zweck (rosalux.de).

    Orwells Werke und Kernbotschaften

    Orwells bekannteste Romane sind „Animal Farm“ (1945) und „1984“ (1949), dazu kommen viele Essays (z.B. „Why I Write“ 1946, „Über den Nationalismus“ 1945, „Politics and the English Language“ 1946). Animal Farm ist eine Parabel auf die russische Revolution und Stalin-Diktatur: Farmtiere vertreiben die Menschen, schaffen eine egalitäre Ordnung – doch die Schweine werden bald „gleicher“ als andere. Ein berühmtes Orwell-Zitat daraus lautet: „Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher.“ Dieses Bild kritisiert nicht Sozialismus allgemein, sondern die Verräter revolutionärer Ideale durch eine neue privilegierte Kaste (hier sowjetische Funktionäre). Orwell zeigte, wie eine Revolution verkommen kann, wenn die Massen passiv bleiben oder ihre Führungselite sich korrumpiert.

    1984 ist Orwells Dystopie über ein totalitäres Regime, das Gedanken und Wahrheit radikal kontrolliert. Schauplatz ist das fiktive „Ozeanien“, wo der allgegenwärtige „Große Bruder“ herrscht. Propagandaparolen wie „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“ (deutschlandfunk.de) sind zentrale Motive. Winston Smith, der Held, arbeitet im Ministerium für Wahrheit und muss Geschichte umschreiben. Viele Leser deuten 1984 als Warnung vor Stalinismus oder Nationalsozialismus. Wichtig ist: Orwell attackiert jede Form von Machtmissbrauch, nicht etwa Demokratie oder soziale Gerechtigkeit. Tatsächlich schrieb er in „Politics and the English Language“, dass Faschisten sich oft hinter Worten wie „Patriot“ verstecken (Beispiel: „Marschall Pétain war ein wahrer Patriot“; libcom.org), um Tyrannei als Nationalstolz zu tarnen. Er prüfte Schlagworte wie „Freiheit“ und „Demokratie“ daraufhin, wie sie in der Politik oft hohl missbraucht werden (libcom.org).

    Orwell war sich bewusst, dass er als Schriftsteller satirisch und präventiv dachte. Er selbst nannte sein Schreiben „pamphleteerisch“ in Zeiten politischer Krise (rosalux.de). In „Why I Write“ fasste er seine Mission so zusammen: Er kämpfte „gegen den Totalitarismus und für den demokratischen Sozialismus“ (rosalux.de) (news.stanford.edu). Wichtig ist: Für Orwell war Demokratie und Sozialismus keine Widersprüche, sondern verbunden. Er kritisierte Korruption und Machtgehabe (bei Sowjets, Faschisten, aber auch beim unbelebten „Party“-System in 1984), hielt jedoch nach wie vor die Massenmobilisierung für die wirksamste Waffe gegen Faschismus. Wie er in seinem Spanienbuch schrieb: Die republikanischen Streitkräfte gewannen wichtige Schlachten erst durch den Einsatz großer Massen mit revolutionärem Bewusstsein (libcom.org).

    Die rechte Vereinnahmung in Deutschland

    Trotz dieser eindeutigen Positionen Orwells bedienen sich heute rechte und konservative Stimmen in Deutschland gerne seiner Worte – oft aus dem Kontext gerissen – um gegen „links“ oder „Grüne“ Stimmung zu machen. Der bekannte Spruch „Orwell lässt grüßen“ taucht seit Jahren an vielen Stellen des politischen Diskurses auf. Eine sprachwissenschaftliche Studie fand: Der Name George Orwell fungiert als Synonym für dystopische Überwachungsvisionen (link.springer.com). Immer öfter hört man in Debatten um Datenschutz, Netzgesetze oder politische Korrektheit Hinweise auf 1984. AfD-Politiker warnen beispielsweise vor angeblichen „Stasi-Methoden“, wenn etwa Facebook-Kommentare gelöscht werden, und sprechen vom „Orwellschen Wahrheitsministerium“ (diva-portal.org). Die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel schrieb 2017 auf Facebook: „Willkommen in der DDR 2.0!“ in Anspielung auf das Netzwerkdurchsetzungsgesetz – ein bewusster Rückgriff auf das Bild des überwachten Staates.

    Auch andere konservative Akteure zitieren Orwell, um aktuelle Gegner zu diffamieren. Der Blogger Boris Reitschuster etwa erklärt, Orwell habe in seinen Werken den «Moskauer Diktator» Stalin kritisiert und sei „ein Linker“ gewesen – aber er nutzt gleichzeitig das berühmte Tierfarm-Zitat „Alle Tiere sind gleich, nur manche sind gleicher“, um ironisch auf heutige Verhältnisse anzuwenden. Die Zeitschrift Tichys Einblick behauptet gar, im „Orwellschen Sinne“ seien heute sogar die Grünen «nationalistisch» (weil sie sich im Besitz einer „höheren Moral“ wähnten) – ein schiefer Verweis auf Orwells Essay über Nationalismus. Dabei ignoriert sie, dass Orwell gerade davor warnte, Menschen in feste Gruppen einzuteilen.

    Im Bundestag und in Talkrunden tauchen Orwellsche Motive ebenfalls auf. Linguisten haben recherchiert, dass Referenten aller Fraktionen („Offenbarungseid“ jeder Partei zufolge) Orwells Namen benutzen – tendenziell häufiger in Warn- oder Beschwerderedeformen (link.springer.com). Linke wie rechte Politiker zitieren 1984, wenn sie sich an korrekte Sprache oder Regierungspolitik reiben. Wichtig ist: Sie zitieren meist die Bildwelt des Romans, nicht Orwells konkrete Thesen oder sein politisches Selbstverständnis.

    Falsche Zitate und Manipulation

    Manchmal wird Orwell sogar Zitate zugeschoben, die er nie geschrieben hat. Im Internet kursieren Sätze wie „Je weiter eine Gesellschaft sich von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen“. Reuters hat so einen Fall überprüft: Das angebliche Orwell-Zitat „The people will believe what the media tells them to believe“ wurde massiv auf Facebook und Twitter geteilt. Reuters fand jedoch keinen Beleg dafür, dass Orwell das je gesagt oder geschrieben hat (reuters.com). In Wirklichkeit ist es eine Erfindung – genau wie viele weitere vermeintliche „Orwell-Zitate“, die oft pauschal Medien oder anderen als böse Anderen zuschreiben.

    Solche Falschzitate werden gezielt streuen, um einen aktuellen Gegner als Teil eines vermeintlich totalitären Systems darzustellen. Professor Alex Woloch (Stanford) und andere Wissenschaftler warnen: Bei vielen Einführungen von Animal Farm oder 1984 wurden politische Passagen weggelassen oder umgedeutet, sodass Orwell scheinbar nur Antikommunistisches geschrieben habe (news.stanford.edu) (rosalux.de). In Deutschland entsteht der Eindruck, Orwell habe sich ausschließlich gegen den Sozialismus gewandt – ein Narrativ, das manche Rechte schüren, um sich als antifaschistisch zu verkaufen. Der Verweis auf Orwell soll dann eine vermeintlich intellektuelle Legitimation liefern: „Orwell stimmt uns zu, dass […]“.

    Tatsächlich zeigen die Quellen das genaue Gegenteil: Orwell war nie ein Gegner der Demokratie oder des Sozialstaats. Seine Warnungen richteten sich stets gegen Regime, die Macht monopolisieren. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung fasst zusammen: Eine „konservative Vereinnahmung“ von 1984 widerspricht Orwells Überzeugung, wie er selbst ausführte, nämlich „für den demokratischen Sozialismus“ zu schreiben (rosalux.de). Er verwahrte sich sogar ausdrücklich dagegen, 1984 gegen den Sozialismus zu verwenden (rosalux.de). Wer Orwell heute instrumentalisieren will, blendet bewusst seine ganzheitliche Haltung aus.

    Unwissenheit oder politisches Kalkül?

    Warum kommt es zu diesen Verzerrungen? Teilweise ist Unkenntnis im Spiel: Viele Menschen kennen Orwell nur von Schlagworten wie „Neusprech“ oder „Big Brother“ und haben nie seine Essays gelesen. Sie ahnen nicht, dass er 1936 selbst im Kampf gestanden hat und sich selbst als sozialistischer Befreiungskämpfer verstand. Oft wird 1984 nur als allgemeines „Rechts-“ oder „Linksbuch“ missverstanden, ohne den historischen Kontext. Facebook-Nutzer und Influencer kopieren dafür platte Parolen von Zensur und Überwachung, um Angst zu schüren. Ein solches Posten geschieht teils reflexhaft: Man nimmt sich einen prominenten Namen (Orwell) und spannt ihn ideologisch passend. Das kommt einer politisch motivierten Rhetorik nahe.

    Doch es ist nicht nur Naivität: Viele Akteure verfolgen bewusst das Ziel, Gräben zwischen politisch Andersdenkenden zu betonen. Dabei funktioniert Orwell instrumental: Er wird zur Projektionsfläche – ein „Kollektivsymbol“ für alle Angstbilder unserer Zeit (link.springer.com) (link.springer.com). Studien belegen: Politiker nutzen Orwells Bildwelt, um Dramatik zu erzeugen und ihre Gegner zu diffamieren (diva-portal.org) (link.springer.com). Sie zitieren etwa Orwell-Wörterbücher wie „Neusprech“ oder Slogans aus 1984, um Begriffe wie „Flüchtlingspolitik“ oder „Gender-Gaga“ zu brandmarken. Oft geht es gar nicht um Wahrheit, sondern um Populismus: „Wir leben schon in 1984!“ ruft man rhetorisch, um die Debatte emotional aufzuladen.

    Recherchen zeigen, dass dieses Spiel mit Orwell-Zitaten vor allem politischen Kalkül nutzt. Der Literaturwissenschaftler Nick Fearnley stellt fest: Wer ständig von „Zensur“ redet und Orwell ins Feld führt, wolle damit Selbstrechten als Opferrolle darstellen. Franziska Schutzbach etwa beobachtet: Manche Vergleiche mit 1984 werden so inflationär benutzt, dass sie ihre Warnfunktion völlig entwerten (diva-portal.org). Man beachte, dass dieselben Menschen Orwells Hinweis ignorieren, wonach Gesellschaften in kritischen Zeiten eher „treu und brav dem Führer“ als freiheitsliebend folgten. Orwell sah nämlich einen nicht unwahrscheinlichen „Übergang zum Faschismus“ vor, wenn die Mittelklasse in Panik gerät – keineswegs aber, weil Grüne Umweltschutz fordern (bpb.de).

    Die Wirklichkeit ist also eher: Rechte Postings nutzen Orwell meist, um sich selbst als kritisch gegenüber Macht darzustellen. Dass Orwell jedoch immer selbst auf der Seite von Opposition gegen Diktatur stand, wissen sie oft nicht – oder sie verdrängen es. Manchen genügt Orwell’s dystopische Bildwelt als Alibi. Ihnen geht es nicht um einen echten intellektuellen Diskurs, sondern um Polarisierung. Ob aus Naivität oder taktischem Kalkül: Das Ergebnis bleibt, dass Orwell heute weitgehend in seinem Kern missverstanden wird.

    Fazit

    George Orwell war ein engagierter Antifaschist und Sozialist. Er lehnte jede Form von Totalitarismus ab – sei es durch Nationalsozialismus oder Stalinismus – und setzte sich für eine gerechte, demokratische Gesellschaft ein. Dies belegt sein Leben und sein Werk eindeutig (rosalux.de) (sueddeutsche.de). Die rechte Vereinnahmung Orwells in Deutschland verkennt diese Zusammenhänge: Sie kapert einzelne Begriffe oder Bilder aus „1984“ und „Animal Farm“, während sie alle anderen Aspekte seines Denkens ausblendet. Solch eine selektive Zitierweise verzerrt das Gesamtbild von Orwell.

  • Die trügerische Macht des „gesunden Menschenverstands“ in Medien und Bildung

    Einleitung

    „Das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand!“ – Ein Satz, der in Alltagsdebatten, Medien und sogar im Klassenzimmer oft fällt. Er suggeriert, dass etwas so offensichtlich sei, dass es keiner weiteren Belege bedarf. Tatsächlich vertritt in Umfragen ein signifikanter Anteil der Menschen die Ansicht, man solle sich eher auf den Hausverstand verlassen als auf wissenschaftliche Studien. So stimmten etwa in Österreich 37 % der Befragten zu, „mehr auf den gesunden Menschenverstand“ zu setzen als auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Diese Haltung spiegelt eine Skepsis gegenüber wissenschaftlicher Bildung wider – als könne der eigene Alltagsverstand komplexes Wissen ersetzen. Doch was verbirgt sich hinter dieser populären Floskel, und warum ist sie problematisch? In diesem Artikel beleuchten wir kritisch, wie der Verweis auf den gesunden Menschenverstand als Ausrede für fehlende wissenschaftliche Bildung und unreflektiertes Denken dient. Wir betrachten psychologische Erkenntnisse über kognitive Verzerrungen und zeigen, wie wissenschaftliche Methoden helfen können, Denkfehler aufzudecken und zu überwinden.

    Was bedeutet „gesunder Menschenverstand“?

    Im alltäglichen Sprachgebrauch bezeichnet gesunder Menschenverstand (oft gleichbedeutend mit Hausverstand oder common sense) die vermeintlich angeborene Fähigkeit, vernünftige, pragmatische Urteile auf Grundlage von Lebenserfahrung zu fällen. Entscheidungen aus dem Bauchgefühl heraus, ohne „komplizierte Theorien“ oder Analysen, gelten landläufig als Ausdruck dieses Verstandes. Historisch wurde der Begriff positiv konnotiert: Von Aristoteles’ sensus communis bis zur Aufklärung galt der common sense als Basis intuitiver Wahrheit.

    Doch aktuelle Forschungen zeigen, dass es den gesunden Menschenverstand gar nicht gibt – zumindest nicht als allgemein geteiltes Wissen. Eine Studie der Universität Pennsylvania (2024) hat untersucht, was verschiedene Menschen für „common sense“ halten. Das Ergebnis: Was Person A als gesunden Menschenverstand ansieht, kann für Person B völlig anders sein. Kollektiv gültiger Hausverstand ist höchstens in banalen Fakten vorhanden (etwa „Dreiecke haben drei Seiten“), aber die meisten angeblichen Common-Sense-Aussagen werden nur von einer kleinen Mehrheit tatsächlich geteilt. Die Studie untergräbt somit die Annahme, gesunder Menschenverstand sei allgemeingültiges, für alle „selbstverständliches“ Wissen. Vielmehr neigen Menschen dazu, dasjenige als „Hausverstand“ zu deklarieren, was in ihr eigenes Weltbild passt.

    Noch problematischer ist, wie der Begriff eingesetzt wird: Oft fungiert er als rhetorisches Totschlagargument. Wer auf den gesunden Menschenverstand verweist, impliziert, die eigene Position sei so offensichtlich, dass weitere Beweise oder Diskussionen entbehrlich sind. Damit wird der Begriff zu einem Mittel, um Widerspruch abzuwürgen. Studien bezeichnen den „Hausverstand“ gar als Floskel ohne echten Erklärungswert. Der Publizist Alexander Grau spitzt es zu: Der Verweis darauf sei meist „der Sieg der Phrase über den Gedanken“. Mit anderen Worten: Der gesunde Menschenverstand wird in Debatten häufiger vorgeschoben, als dass er wirklich weiterhilft.

    Totschlagargument und Denkfaulheit

    Warum greifen so viele auf den gesunden Menschenverstand zurück? Kritiker weisen darauf hin, dass diese Berufung oft mit Denkfaulheit einhergeht. Ein Kommentar in politik&kommunikation formuliert drastisch: „Wer sich auf den gesunden Menschenverstand beruft, ist denkfaul.“ Dieser Ausdruck schwinge mit in Sätzen wie „Darüber müssen wir gar nicht reden“. Der Appell an den Hausverstand ersetze fundierte Argumente – tatsächlich deutet er meist auf deren Fehlen und auf mangelnde wissenschaftliche Erkenntnisse hin. Als Diskussionsbeitrag taugt das wenig: Es ist kein Beleg für vernunftorientiertes Denken, sondern oft eine Abwehr reflexiver Analyse.

    Dass der gesunde Menschenverstand mitunter zur Illusion verklärt wird, zeigen viele Beispiele. Intuitiv halten wir unsere Alltagseindrücke für verlässlich – doch die Wissenschaftsgeschichte ist reich an widerlegten „Gewissheiten“. Im 19. Jahrhundert etwa war man überzeugt, der menschliche Körper vertrage keine Fortbewegung in hoher Geschwindigkeit; Züge und Automobile galten dem damaligen Empfinden nach als gefährlich schnell. Ähnlich hätte der Hausverstand früherer Generationen die Idee des Flugzeugs als „gegen die Natur“ abgetan. Und bis heute sträubt sich unser intuitives Verständnis gegen Erkenntnisse der modernen Physik, z. B. dass wir aus unsichtbaren subatomaren Teilchen bestehen oder dass die Zeit relativ verläuft – alles Befunde, die dem naiven Alltagsgefühl widersprechen. Der Volksmund, der „gesunde Menschenverstand“, lag hier eklatant falsch. Diese Beispiele verdeutlichen: Was im Alltag offensichtlich scheint, hält einem genauen wissenschaftlichen Blick oft nicht stand. Ohne das Korrektiv systematischer Untersuchungen würden viele Irrtümer als vermeintlicher Common Sense weiterleben.

    Gerade in der Politik und Medienrhetorik wird Common Sense deshalb kritisch beäugt. Populistische Akteure stilisieren ihn gern zur Stimme des „einfachen Volkes“ und stellen ihn in Gegensatz zum vermeintlich abgehobenen Expertenwissen. So war während der Covid-19-Pandemie oft zu hören, man brauche keinen Virologen, um zu wissen, was gesunder Menschenverstand gebiete. Ähnlich im Diskurs um den Klimawandel: Einige Politiker beriefen sich auf den „Hausverstand“, um anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse infrage zu stellen. Das Muster ist stets gleich – komplexe Sachverhalte werden vereinfacht, Expertenwissen diskreditiert, und die eigene Meinung als angeblich natürlicher Gemeinschaftssinn dargestellt. Dies mag rhetorisch geschickt sein, führt aber zu einer Polarisierung der Debatte und begünstigt wissenschaftsfeindliche Haltungen. Historisch fand der Begriff sogar in dunklen Zeiten Anklang: Unter den Nationalsozialisten war vom „gesunden Volksempfinden“ die Rede, um grausame Ideologien als angeblich natürliche Moral zu verbrämen. Solche Extrema führen vor Augen, wie gefährlich blindes Vertrauen in einen unhinterfragten Common Sense sein kann.

    Kognitive Verzerrungen: Wenn der Hausverstand in die Irre führt

    Wieso täuscht uns unser „gesunder Menschenverstand“ so häufig? Die Kognitionspsychologie hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche kognitive Verzerrungen (biases) identifiziert, die systematisch zu Denkfehlern führen. Unser Gehirn arbeitet mit vereinfachenden Faustregeln – sogenannten Heuristiken – die im Alltag schnelle Urteile erlauben, aber anfällig für Fehler sind. Im Folgenden beleuchten wir drei zentrale Biases, die besonders deutlich machen, warum unreflektiertes Bauchgefühl oft danebenliegt.

    • Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Menschen neigen dazu, bevorzugt solche Informationen zu suchen und zu beachten, die ihre vorgefassten Meinungen stützen. Anderslautende Fakten blendet man unbewusst eher aus oder wertet sie ab. Diese Wahrnehmungsverzerrung – „Informationen so auszusuchen und zu interpretieren, dass sie das eigene Weltbild stützen“ – führt dazu, dass der eigene Hausverstand immer wieder bestätigt wird, selbst wenn er objektiv falsch liegt. In der Medienwelt verstärkt dieser Bias sogenannte Echokammern: Auf sozialen Plattformen teilen Nutzer vor allem Inhalte, die ihrer bestehenden Ansicht entsprechen, was die eigene Meinung in einer Rückkopplungsschleife immer weiter bestärkt. So entsteht leicht der Eindruck, die eigene Sicht sei allgemeiner Konsens – ein trügerischer Common Sense. Der Bestätigungsfehler kann auch im Klassenzimmer auftreten: Wenn Lehrende beispielsweise nur die Lehrmethoden wählen, die ihren etablierten Überzeugungen entsprechen, und neuere didaktische Forschung ignorieren, bleibt ihr pädagogischer common sense unangetastet, aber möglicherweise veraltet.
    • Verfügbarkeitsheuristik: Unser Urteil darüber, wie wahrscheinlich oder bedeutsam ein Ereignis ist, wird stark davon beeinflusst, wie leicht uns Beispiele dafür einfallen – wie „verfügbar“ sie in unserem Gedächtnis sind. Medienberichte können so unreflektierte Risikoeinschätzungen verzerren. Ein bekanntes Beispiel: Fragt man spontan, woran mehr Menschen sterben – an Diabetes oder durch Verkehrsunfälle –, tippt der gesunde Menschenverstand oft auf Verkehrsunfälle. Schließlich hört man in den Nachrichten ständig von tödlichen Unfällen, während Diabetes-Todesfälle selten Schlagzeilen machen. Tatsächlich aber starben etwa 2016 in Deutschland rund sechsmal mehr Menschen an Diabetes als im Straßenverkehr. Durch die mediale Verfügbarkeit überschätzen wir Unfälle dramatisch. Dieser Denkfehler heißt Verfügbarkeitsheuristik. Er zeigt, wie unser Bauchgefühl durch verzerrte Erfahrungen in die Irre geführt wird. Was der Einzelne als „gesunden Menschenverstand“ empfindet („Man liest doch dauernd von …, also muss es häufig sein“), ist oft nur ein Echo der Medienpräsenz, nicht der realen Statistik.
    • Dunning-Kruger-Effekt: Hinter diesem sperrigen Namen verbirgt sich eine besonders brisante Selbsttäuschung: Menschen mit geringer Kompetenz in einem Bereich überschätzen systematisch ihr eigenes Können. Gleichzeitig erkennen sie die Fähigkeiten wirklich Kompetenter nicht an. Kurz gesagt: Inkompetente halten sich fälschlich für kompetent. Diese kognitive Verzerrung im Selbstverständnis Unwissender führt dazu, dass gerade diejenigen, die am wenigsten über ein Thema wissen, am überzeugtesten von ihrem „Hausverstand“ sind. Ihnen fehlt die Metakognition – also die Fähigkeit, die Qualität des eigenen Wissens realistisch einzuschätzen. Ein klassisches Beispiel ist die Leugnung wissenschaftlicher Fakten: Wer etwa kaum Kenntnisse über Klimaforschung hat, meint dennoch auf Basis seines Alltagsverstands komplexe Zusammenhänge beurteilen zu können – und liegt oft völlig daneben. Beim Klimawandel zeigt sich dieses Phänomen deutlich: Einige Personen ohne Fachwissen glauben, ihr gesunder Menschenverstand sage ihnen, dass etwa CO₂ „gar keinen so großen Einfluss haben“ könne, obwohl wissenschaftliche Evidenz das Gegenteil längst bewiesen hat. Der Dunning-Kruger-Effekt ist im Bildungskontext besonders relevant: Schüler*innen (oder auch Lehrkräfte) mit geringem Verständnis eines Themas wissen oft nicht, dass sie es nicht wissen, und verlassen sich umso mehr auf vermeintlich selbstevidentes Laienwissen. Dadurch wird der Anreiz genommen, dazuzulernen – man wähnt sich ja schon im Recht.

    Diese drei Beispiele sind nur ein Ausschnitt aus den zahlreichen kognitiven Biases, die Psycholog*innen dokumentiert haben. Die englischsprachige Wikipedia zählt Dutzende solcher Denkfallen auf. Sie alle unterminieren die Idee, dass unser ungeprüfter Menschenverstand automatisch zur Wahrheit führt. Im Gegenteil: Systematische Denkfehler sind eher die Regel als die Ausnahme. Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat gezeigt, dass unser Gehirn in zwei Modi arbeitet: System 1, das schnelle, automatische, intuitive Denken, und System 2, das langsame, anstrengende, logische Denken. Viele Verzerrungen entstehen dadurch, dass wir uns auf System 1 verlassen – den blitzschnellen Hausverstand –, obwohl eine gründliche Analyse durch System 2 nötig wäre. Unser Gehirn bevorzugt die kognitive Abkürzung, denn sie fühlt sich mühelos und „richtig“ an. Doch diese Abkürzungen waren allenfalls in der evolutionären Steinzeit zuverlässig; für die komplexe Welt moderner Wissenschaft und Medien reichen sie oft nicht aus.

    Bildung: Wissenschaft vs. „Hausverstand“

    Die problematische Rolle des gesunden Menschenverstands zeigt sich deutlich im Bildungswesen. Hier prallen Alltagsintuition und wissenschaftliche Erkenntnis regelmäßig aufeinander. Einerseits soll Bildung ja kritisches Denken fördern – andererseits bringen Lernende wie Lehrende unvermeidlich ihre „gesunden Menschenverstand“ in den Prozess mit ein. Wird dieser nicht reflektiert, können Fehlvorstellungen verfestigt werden.

    Zum einen können Lehrkräfte versucht sein, pädagogische Erkenntnisse und Studienergebnisse vorschnell abzutun, nach dem Motto: „Das bestätigt doch nur, was wir längst aus gesundem Menschenverstand wissen.“ Eine aktuelle Analyse bezeichnet dies als wissenschaftsbezogenes Fehlkonzept: Personen mit begrenzter wissenschaftlicher Expertise – z. B. in der Bildungsforschung – neigen dazu, evidenzbasierte Empfehlungen als trivialen Hausverstand abzuwerten. So könnten Lehrkräfte etwa neue bildungswissenschaftliche Befunde ignorieren, weil sie glauben, diese enthielten nichts Neues gegenüber der eigenen Erfahrung. In Wahrheit verkennen sie damit die Tiefe und möglichen Überraschungen der Forschung. Ein Beispiel: Die Bildungsforschung zeigt, dass aktivierende Lernmethoden oft erfolgreicher sind als bloßer Frontalunterricht – doch dem Hausverstand mancher Lehrer galt lange: „Lehre ist eben, wenn der Lehrer vorne steht und erklärt.“ Solche Ansichten beruhen auf persönlichen Erfahrungen und Traditionswissen, nicht auf systematischer Evidenz. Wenn Lehrkräfte sich nur auf ihr Bauchgefühl verlassen, riskieren sie, didaktische Best Practices zu verpassen oder gar kontraproduktive Methoden fortzuführen.

    Zum anderen betrifft es die Schülerinnen selbst: Viele naturwissenschaftliche oder mathematische Konzepte widersprechen dem spontanen Alltagsverstand. Etwa „Schwere Gegenstände fallen schneller zu Boden als leichte“ – das schien dem Hausverstand bis Galilei selbstverständlich, ist aber physikalisch falsch. Im Unterricht kollidiert dann der intuitive Präkonzept (hier: schwer fällt schneller) mit der wissenschaftlichen Erklärung (unabhängig von der Masse, im Vakuum fallen Körper gleich schnell). Nur durch gezieltes Experimentieren und Reflexion kann das gefühlte Wissen korrigiert werden. Ohne Anleitung laufen Lernende Gefahr, an ihren irrigen Intuitionen festzuhalten. Deshalb ist ein zentrales Bildungsziel, den Umgang mit kognitiven Verzerrungen zu lehren: Schülerinnen müssen erkennen, dass ihr erster Impuls nicht immer stimmt, und sie sollen wissenschaftliche Methoden anwenden, um zuverlässigere Erkenntnisse zu gewinnen.

    Auch im Bereich der gesellschaftlichen Bildung – etwa Medienkompetenz – ist Wachsamkeit geboten. Junge Menschen sollen früh lernen, Quellen kritisch zu prüfen und nicht jeder scheinbar „gesunden“ Schlagzeile zu trauen. Etwa behaupten manche Boulevardmedien oder Internetmythen Dinge, die dem vermeintlichen Menschenverstand schmeicheln („Natürlich verursachen Chemtrails unsere Krankheiten, das sieht man doch“). Hier muss Bildung ansetzen und vermitteln, dass solche Behauptungen einer Überprüfung standhalten müssen. Es reicht nicht, dass etwas „plausibel klingt“. Wissenschaftliche Evidenz ist oft kontraintuitiv, und gerade deshalb muss man lernen, seinem Denken nicht blind zu vertrauen, sondern es zu hinterfragen. Wie der Psychologe B. R. Myers ironisch bemerkte: „Gesunder Menschenverstand kann jede Bildung ersetzen – außer wahre Bildung.“ Bildung bedeutet eben auch, die Grenzen des eigenen Hausverstands zu erkennen.

    Medien: Zwischen „Common Sense“ und Faktencheck

    In der Medienlandschaft zeigt sich die Zwiespältigkeit des gesunden Menschenverstands besonders deutlich. Einerseits verlangen Medienberichte Verständlichkeit und Anschluss an die Alltagserfahrung des Publikums – Nachrichten sollen mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbar sein. Andererseits sind Medien zugleich Gatekeeper komplexer Informationen, die häufig kontraintuitiv sind. Dieses Spannungsfeld birgt Risiken: Vereinfachung, Confirmation Bias und die Verklärung von Meinungen als „Volksverstand“.

    Wie zuvor erwähnt, begünstigen soziale Medien bereits durch ihre Struktur die Tendenz, dass wir vor allem jene Inhalte wahrnehmen, die unseren Erwartungen entsprechen. Algorithmen zeigen uns „mehr vom Gleichen“. Dadurch kann sich der Eindruck verfestigen, die eigene Sicht sei der offensichtliche Common Sense, wo doch in Wahrheit eine Filterblase am Werk ist. Der Medienwissenschaftler Sascha Lobo beschreibt den Mechanismus treffend: Die kognitive Verzerrung namens Bestätigungsfehler sorgt dafür, dass wir Inhalte selektieren, „die das eigene Weltbild stützen“. Likes, Shares und abonnierte Kanäle tun ein Übriges – am Ende hält man seine persönlich zugeschnittene Info-Welt für repräsentativ. So entsteht in digitalen Öffentlichkeiten oft ein Polarisierungseffekt: Jede Seite wirft der anderen vor, den „gesunden Menschenverstand“ verloren zu haben, während man sich selbst in der Echokammer seiner Meinung wiegt. Fake News und Verschwörungsmythen gedeihen in diesem Klima besonders gut, da sie an vorgefasste gefühlte Wahrheiten appellieren und komplexe Realitäten in scheinbar einleuchtende Geschichten gießen.

    Auch traditionelle Medien stehen vor der Herausforderung, einerseits anschaulich zu berichten, andererseits nicht zu simplifizieren. Oft werden Expertenaussagen in Talkshows mit der Gegenrede eines „Menschen von der Straße“ konfrontiert, um Ausgewogenheit zu simulieren – als stünden fundierte Evidenz und laienhafter Common Sense auf einer Stufe. Dies kann den Eindruck erwecken, wissenschaftliche Fakten seien nur eine weitere Meinung, die man mit einem Spruch vom Stammtisch entkräften könne. Ein Beispiel: Während der COVID-19-Pandemie interviewten Medien nicht nur Virologen, sondern gaben auch Bürgerstimmen Raum, die Maßnahmen mit „Hausverstand“ in Frage stellten („Das Virus kann doch nicht so schlimm sein, ich kenne niemanden, der krank wurde“). Solche Anekdoten entsprechen zwar dem subjektiven Empfinden Einzelner, sind aber statistisch wenig aussagekräftig. Dennoch beeinflussen sie die öffentliche Wahrnehmung stark, weil sie an intuitives Denken anschließen (Verfügbarkeitsheuristik). Kritische Medienarbeit besteht hier darin, diese Diskrepanz offenzulegen: wissenschaftliche Erkenntnis vs. Einzelfallgefühl. Wo dies versäumt wird, kann der Eindruck entstehen, die Wissenschaft verliere den Kontakt zum „normalen Menschen“. Dies wiederum befeuert Wissenschaftsskepsis.

    Positiv formuliert, liegt gerade hierin eine Verantwortung der Medien: Sie können den gesunden Menschenverstand korrigieren, indem sie überraschen und aufklären. Gute Wissenschaftsjournalist*innen schaffen es, komplexe Daten so zu erläutern, dass verständliche Geschichten entstehen, ohne dem Zwang der Übervereinfachung zu erliegen. Ein Beispiel dafür war die Berichterstattung zur Klimakrise in einigen Qualitätsmedien: Anstatt einfache Wetterphänomene als Belege zu nehmen („heißer Sommer = Klimawandel, kalter Winter = doch keiner“), erklärten sie den Unterschied zwischen Wetter und Klima und zeigten mit Langzeitkurven und wissenschaftlichen Modellen, warum der Hausverstand beim Thema Klima oft irreführend ist. Solcher Journalismus fordert das Publikum heraus, den eigenen Wahrnehmungen zu misstrauen und genauer hinzuschauen – ganz im Sinne wissenschaftlichen Denkens.

    Nicht zuletzt bedienen sich aber auch Medienakteure selbst gern der Phrase vom gesunden Menschenverstand, um ihre Position zu stärken. Wie bereits erwähnt, war dies ein beliebtes Mittel populistischer Rhetorik. Politikern, die „mit Hausverstand“ handeln wollen, unterstellen oft implizit, ihre Gegner verstießen gegen eben diesen. Das kann bis zu arglistigen Verkürzungen führen. So wurde komplexe EU-Politik von manchen Boulevardzeitungen als „gegen den Hausverstand“ geschmäht, obwohl die Materie differenzierter war, als es der Stammtisch glaubt. Hier zeigt sich die manipulative Kehrseite: Der Appell an den Common Sense kann bewusst eingesetzt werden, um Stimmung zu machen und rationales Hinterfragen zu unterdrücken.

    Wissenschaftliche Methodik als Korrektiv

    Angesichts der Fallstricke des ungefilterten Menschenverstands stellt sich die Frage: Wie entkommt man der Common-Sense-Falle? Die Antwort der Aufklärung lautet seit jeher: durch Wissenschaft – und die Haltung, die mit ihr einhergeht. Wissenschaftliche Methodik ist im Kern darauf ausgelegt, die Fehlerquellen subjektiven Denkens zu minimieren. Nach Karl Popper bedeutet das zum Beispiel, aktiv nach widerlegenden Befunden zu suchen statt nach bestätigenden. Diese falsifikatorische Haltung ist das Gegenteil dessen, was der Bestätigungsfehler uns eingibt. Ein Wissenschaftler, der seine Hypothese testen will, versucht gezielt, sie zu erschüttern – wer das nicht schafft, gewinnt Vertrauen in ihre Gültigkeit. Der Laie mit Hausverstand hingegen neigt dazu, nach Beispielen zu suchen, die seine Meinung bestätigen (confirmation bias). Dieses einfache Prinzip zeigt schon, warum wissenschaftliches Denken zu verlässlicheren Ergebnissen führt: Es konfrontiert den Verstand mit unangenehmen Datenpunkten, anstatt sie auszublenden.

    Zudem folgt die Wissenschaft strengen Gütekriterien: Ergebnisse müssen reproduzierbar, überprüfbar und transparent sein. Persönliche Überzeugungen werden – idealerweise – an objektiven Daten gemessen. Natürlich ist auch Wissenschaft ein von Menschen betriebenes Unterfangen und damit nicht völlig frei von Biases. Doch durch Peer-Review, Statistiken und methodische Standards werden individuelle Fehlurteile eher ausgemerzt als im informellen Alltag. Wissenschaftliches Denken kultiviert Eigenschaften, die dem unreflektierten Common Sense fehlen: Neugierde, Skepsis und Bescheidenheit. Neugier, um bestehende Annahmen zu hinterfragen; Skepsis, um nicht jeder naheliegenden Erklärung zu trauen; Bescheidenheit, um die Möglichkeit des Irrtums einzukalkulieren. Sozialpsychologe David Myers nennt dies die „wissenschaftliche Haltung“ – neugierig, skeptisch und demütig gegenüber der eigenen Fehlbarkeit. Genau diese Haltung hilft, kognitive Verzerrungen aufzudecken.

    Ein weiterer Beitrag kommt von der Kognitionspsychologie selbst. Indem sie unsere Denkfehler systematisch katalogisiert, liefert sie uns das Rüstzeug, um uns selbst kritisch zu prüfen. Allein das Wissen über Biases kann deren Einfluss mindern: Wer z. B. vom Confirmation Bias gehört hat, wird eher darauf achten, auch Gegenpositionen zu lesen. Psychologen empfehlen konkrete Strategien, um Denkverzerrungen entgegenzuwirken. Dazu zählen:

    • Aktive Selbstreflexion: Sich der eigenen Überzeugungen bewusst werden und regelmäßig fragen: Warum glaube ich das? Könnte ich mich irren? Schon die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Denkmustern erschwert automatische Fehlurteile. Methoden wie Journaling oder metakognitive Übungen fördern diese Achtsamkeit im Denken.
    • Perspektivwechsel und Dialog: Austausch mit anderen, die anderer Meinung sind, und das Einnehmen verschiedener Perspektiven hilft, die Blind Spots des eigenen Hausverstands aufzudecken. In Diskussionen sollte man aktiv nach konträren Argumenten suchen. Auch Rollenspiele oder Debatten im Unterricht können Schüler*innen beibringen, eine Frage von mehreren Seiten zu betrachten. Wichtig ist eine Kultur, in der Fragen gestellt werden dürfen und Vielfalt der Gedanken geschätzt wird.
    • Lebenslanges Lernen: Bildung ist das beste Gegenmittel gegen die Illusion des Wissens. Je mehr fundiertes Wissen man sich aneignet, desto seltener muss man auf vage Intuition vertrauen. Zudem schult interdisziplinäres Lernen die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu durchdringen. Wer beispielsweise ein Grundverständnis von Statistik hat, ist weniger anfällig für Fehleinschätzungen à la „Traue keiner Statistik…“. Fortbildung von Lehrkräften in wissenschaftlicher Methodik kann verhindern, dass diese – aus Unkenntnis – evidenzbasiertes Wissen als bloßen Hausverstand abtun.
    • Kritische Informationsprüfung: In Zeiten von Informationsflut ist es essenziell, Quellen zu prüfen und Fakten zu verifizieren. Eine gesunde Skepsis gegenüber zu einfachen Erklärungen ist angebracht. So sollten Medienkonsument*innen insbesondere bei Informationen, die genau das eigene Weltbild bedienen, innehalten und gegenprüfen – getreu dem Motto: „Wenn es zu gut passt, um wahr zu sein, schau zweimal hin.“ Fact-Checking-Angebote, wissenschaftsjournalistische Formate und der Blick in Primärquellen sind Werkzeuge, um den Verstand an belastbare Daten zu binden statt an das Gerücht vom Nachbarn.

    Diese Ansätze zeigen: „Gesunder Menschenverstand“ im besten Sinne entsteht nicht von selbst, sondern muss kultiviert werden – durch Bildung, Übung und die richtige Portion Zweifel. Ironischerweise könnte man sagen: Erst wenn man gelernt hat, dem ungeschulten Hausverstand zu misstrauen, entwickelt man einen wirklich gesunden Menschenverstand, nämlich einen aufgeklärten.

    Fazit

    Der Begriff gesunder Menschenverstand umweht eine Aura des Bodenständigen und Zuverlässigen. Doch wie wir gesehen haben, ist er oft mehr Schein als Sein. Allzu leicht dient er als bequeme Ausrede, um sich vor tiefergehender Analyse zu drücken – nach dem Motto: „Brauche ich nicht zu verstehen, mein Gefühl sagt mir schon, was stimmt.“ Gerade in Medien und Bildung erweist sich dieser Verzicht auf Reflexion als gefährlich. Er öffnet Türen für Fehlinformation, Vorurteile und das Beharren auf widerlegten „Wahrheiten“. Der Common Sense erscheint dann als trügerischer Kompass, der uns immer im Kreis um unsere eigene Voreingenommenheit führt.

    Demgegenüber steht die Haltung der Wissenschaft und des kritischen Denkens, die fordert, unser Urteil stets an Evidenz zu messen und bereit zu sein, den eigenen Überzeugungen zu widersprechen. Die Kognitionspsychologie hat uns vor Augen geführt, dass wir uns nicht auf die scheinbare Selbstverständlichkeit unserer Wahrnehmung verlassen sollten – unser Gehirn ist kein neutraler Richter, sondern ein oft irrendes Instrument. Doch anstatt darüber zu verzweifeln, können wir diese Erkenntnis nutzen: Indem wir uns unserer Denkfehler bewusst werden, können wir aktiv gegensteuern.

    In einer Welt, in der Fake News und Populismus den „Hausverstand“ beschwören, ist es umso wichtiger, wissenschaftliche Bildung und Medienkompetenz zu stärken. Ein kritisch gebildeter Mensch wird den Unterschied kennen zwischen dem, was ihm sein Gefühl eingibt, und dem, was Fakten und valide Methoden belegen. Letztlich sollten wir den Mut haben, unseren gesunden Menschenverstand zu hinterfragen. Denn wahrhaft gesund ist ein Verstand erst, wenn er gelernt hat, sich selbst nicht blind zu vertrauen. Oder um es pointiert auszudrücken: Der beste Freund des gesunden Menschenverstands ist die kritische Vernunft – ohne sie läuft er Gefahr, nur eine wohlklingende Illusion zu bleiben.

    Literatur und Quellen:

    • Beer, Romana: „Gesunder Menschenverstand“ ist individuell. science.ORF.at, 17.01.2024.
    • Herrmann, Sebastian: Den einen „gesunden Menschenverstand“ gibt es nicht. Süddeutsche Zeitung, 18.01.2024.
    • politik&kommunikation: Der gesunde Menschenverstand. 28.11.2023.
    • Stangl, Werner: Bestätigungsfehler. Online-Lexikon für Psychologie & Pädagogik, 2022.
    • DER SPIEGEL: Der „Menschenverstand“ ist ein Schwachkopf. 25.01.2019.
    • Pieschl, Stephanie & Glumann, Nicola: Wissenschaft kann endgültige und wahre Antworten liefern, oder nicht? In: Mythen und Fehlvorstellungen in Schule und Unterricht. Springer, 2022.
    • Human-Factors Hamburg: Dunning-Kruger-Effekt (Glossar).
    • Zeitarbeit-Akademie: Kognitive Verzerrungen: Entscheiden Sie klüger! 2023.
    • OpenEvo (MPI): Schnelles und langsames Denken. 2021.
    • Gallup / ÖAW: Wissenschaftsbarometer Österreich. 2022.
  • Provokante Zahlen in der Gender-Debatte: Herkunft und Einordnung von „72 Geschlechtern“

    In sozialen Netzwerken und Debatten tauchen oft provokante Aussagen wie „Es gibt 72 Geschlechter“ oder „Mittlerweile sogar 76 Geschlechter“ auf. Solche Zahlen werden meist spöttisch verwendet, um die Geschlechtervielfalt oder Gender-Themen ins Lächerliche zu ziehen. Häufig fallen dann auch ironische Sprüche wie „Ich identifiziere mich als Apache-Kampfhubschrauber“. Im Folgenden untersuchen wir, woher diese konkreten Zahlen stammen, ob es seriöse Quellen dafür gibt, und wie sie aus dem Kontext gerissen werden, um Gender-Diversity zu karikieren. Außerdem wird erläutert, wie solche Zahlen zustande kommen und was tatsächlich dahinter steckt.

    Ursprung in seriösen Quellen oder Wissenschaft?

    Wissenschaftlich ist keine fixe Zahl von z. B. genau 72 oder 76 Geschlechtern anerkannt – Gender Studies und Psychologie sprechen vielmehr von einem Spektrum oder Kontinuum der Geschlechtsidentitäten, ohne eine endliche Liste. Allerdings gibt es Informationsquellen, die solche Zahlen nennen. Ein Beispiel ist ein medizinischer Info-Artikel (MedicineNet) von Dr. Shaziya Allarakha. Dort heißt es: „Neben männlich und weiblich gibt es 72 weitere Gender-Identitäten”. In dieser Liste werden zahlreiche Begriffe von Agender (keine Geschlechtsidentität) bis Two-Spirit aufgezählt. Wichtig ist: Solche Listen in populären Artikeln sind beschreibend gemeint – sie versuchen gängige Begriffe für Identitäten zusammenzutragen, erwecken aber teilweise den Eindruck, es gäbe eine feststehende Anzahl „von der Wissenschaft definierter“ Geschlechter. Das ist nicht der Fall; die tatsächliche Vielfalt lässt sich nicht auf eine starre Zahl festlegen.

    Offizielle Stellen oder Gesetzestexte nennen in der Regel keine derart hohen Zahlen. Staaten erkennen meist 2 oder 3 Geschlechtskategorien (z. B. in Ausweisen) an. Allerdings haben Social-Media-Plattformen und Organisationen mit LGBT*-Bezug aus praktischen Gründen umfangreiche Listen erstellt, was zum Ursprung solcher Zahlen führte (siehe nächster Abschnitt). Diese Listen sind wohl die Quelle, aus der die vielzitierten Zahlen wie 72 oder 76 überhaupt entnommen wurden. Eine akademische Quelle, die seriös genau „72 Geschlechter“ behauptet, gibt es nicht – vielmehr stammen die Zahlen aus Auflistungen von Identitäten, nicht aus Biologie-Lehrbüchern.

    Soziale Netzwerke und Listen als Ursprung der Zahlen

    Tatsächlich gehen die genannten Zahlen zu einem großen Teil auf Auswahloptionen von sozialen Netzwerken zurück. Ein prominentes Beispiel ist Facebooks Einführung zusätzlicher Geschlechtsoptionen:

    • Facebook (2014) führte im englischsprachigen Raum zunächst ~50 neue Custom Gender-Optionen ein (zusätzlich zu „male“ und „female“). In Deutschland wurden wenig später 60 Bezeichnungen eingeführt. Diese Liste umfasste etwa „androgyner Mensch“, „bigender“, „Trans Frau“* usw. – erarbeitet mit dem Lesben- und Schwulenverband, der anmerkte, dass manche Begriffe scheinbar dasselbe bedeuten. Der Grund: es gab (und gibt) keine einheitlichen Begriffe, also wurden Synonyme mit aufgenommen.
    • Spätere Erweiterungen: In Großbritannien erweiterte Facebook auf über 70 Geschlechtsoptionen. Auch in anderen Ländern/Sprachen variierte die Zahl leicht. Ein Experte beschreibt: „2014 hat Facebook 56 zusätzliche Labels hinzugefügt (mit männlich/weiblich waren es 58). Später waren es über 70 Labels.“. Hier liegt offenbar der Kern der oft genannten „72“ – Facebook bot zeitweise um die 70 Identitäts-Labels an, was viele Leute vereinfacht als „72 Geschlechter bei Facebook“ kolportierten.
    • Tumblr & Online-Communities: Unabhängig von Facebook entstanden auf Plattformen wie Tumblr umfangreiche Gender-Masterlists in LGBT*-Communities. Dort wurden Dutzende bis Hunderte mikrospezifische Begriffe für Genderidentitäten gesammelt. In englischsprachigen Foren entstand daraus spöttisch der Ausdruck „76 genders“. Dieses Schlagwort bezieht sich auf die wachsende Zahl exotischer Gender-Begriffe in bestimmten Internetkreisen. Die Zahl 76 war dabei nie eine offizielle Vorgabe – es handelt sich um einen Running Gag bzw. überzeichneten Verweis auf Tumblr-Listen, die ständig länger wurden. („76“ stand sinnbildlich für „sehr viele“ und wurde in Memes aufgegriffen, obwohl die Tumblr-Listen teils über 100 Begriffe enthielten.)

    Zusammengefasst stammen die konkreten Zahlenangaben also hauptsächlich aus praktischen Listen (wie den Profil-Optionen großer Plattformen oder Community-Masterlists). Facebooks vielfach diskutierte Gender-Liste – mit anfänglich 50–60 und später 70+ Optionen – ist vermutlich die Quelle für „72 Geschlechter“. Die Zahl 76 hingegen entstammt eher der Internet-Folklore rund um Tumblr und wurde nie von einer offiziellen Stelle so festgehalten, hat sich aber als Meme verselbstständigt.

    Aus dem Kontext gerissen und als Spott verwendet

    Die erwähnten Zahlen werden in öffentlichen Debatten fast nie im ernsthaften Kontext genannt, sondern meist um sich über Gender Studies oder Trans/Nonbinary-Menschen lustig zu machen*. Die ursprünglichen Listen hatten zum Ziel, Menschen mehr Ausdrucksmöglichkeiten zu geben – doch Kritiker präsentieren die blanke Zahl gern so, als würde behauptet, es gäbe z. B. 72 biologische Geschlechter. Das ist ein Missverständnis (teils absichtlich gestreut):

    • Bei Facebook ging es um Identitätsbezeichnungen, keine neuen biologischen Geschlechter. Dennoch wurde in polemischen Kommentaren daraus „Facebook führt 72 Geschlechter ein!“ Viele verstehen oder verdrehen es so, als würde behauptet, es gäbe 72 klar abgrenzbare Geschlechterkategorien in der Realität – was die Sache natürlich lächerlich erscheinen lässt.
    • Diese Verzerrung wird oft mit sarkastischen Beispielen kombiniert. Ein bekanntes Meme ist „I sexually identify as an attack helicopter“ – im Deutschen oft: „Ich identifiziere mich als Apache-Kampfhubschrauber“. Es entstand 2014/2015 auf Reddit/4chan und diente ausdrücklich dazu, trans und nichtbinäre Personen zu verspotten*. Die Logik dahinter: „Wenn es 72 Geschlechter gibt, dann kann ja jeder beliebigen Unsinn als Geschlecht behaupten, z.B. Hubschrauber.“ Dieses Strohmann-Argument soll Gender-Diversity absurd erscheinen lassen. (Tatsächlich gibt es natürlich keinen seriösen Ansatz, Spezies oder Objekte als „Geschlecht“ zu definieren – das Beispiel ist reine Polemik.)
    • Politische Polemik: In Deutschland haben sich insbesondere rechtskonservative Kreise dieser Zahlen bedient. So zog etwa ein AfD-Abgeordneter im Bundestag höhnisch über „72 Geschlechter“ her – in einer Aufzählung dessen, was bei „links-grüner“ Politik angeblich herauskomme, rief er: „…er bekommt offene Grenzen, Massenmigration, 72 Geschlechter und die rot-grüne Regenbogenflagge…“. Solche Aussagen lösen bei Anhängern Gelächter oder Applaus aus, weil sie die Überzeichnung verstehen: Die Zahl 72 symbolisiert hier das vermeintlich Absurde „Gender-Wahn“-Ideal der politischen Gegenseite. Auch in Kommentarspalten findet man sarkastische Hinweise, neben „Männlein und Weiblein“ müssten ja nun auch „die anderen 72 Geschlechter“ berücksichtigt werden, oft in einem Atemzug mit Forderungen nach Gendersternchen, „Quoten für Divers*“ usw. – all das als Spott über Diversität.

    Kurz gesagt: Die Zahlen wurden zum Kampfbegriff. Kaum jemand, der „72 (oder 76) Geschlechter“ sagt, tut das in neutral-wissenschaftlicher Absicht. Es ist fast immer ein sarkastisches Zitat – entweder um die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten ins Lächerliche zu ziehen oder um anti-progressive Stimmung zu machen. Dabei wird ignoriert (oder nicht verstanden), was diese Zahlen ursprünglich bedeuten sollten.

    Wie kommen solche hohen Zahlen zustande?

    Ein wichtiger Punkt zum Verständnis: Was genau wird da gezählt? Die hohen Zahlen ergeben sich nicht dadurch, dass plötzlich Dutzende unbekannte „biologische Geschlechter“ entdeckt wurden – sondern durch die Aufzählung von Begriffen für Geschlechtsidentitäten. Diese Begriffe können sehr fein unterscheiden, teilweise auch synonym sein. Einige Gründe, warum Listen auf 50+ Einträge kommen:

    • Synonyme und Varianten: In Facebooks deutscher 60er-Liste waren Begriffe enthalten, die sich stark überschneiden. Beispielsweise tauchten sowohl „Trans-Mann“ als auch „trans Mann“* (mit Sternchen) und „Transgender Mann“ auf – im Kern sehr ähnlich. Ebenso gab es „Cisgender Frau“, „Cis-Frau“ usw.. Der LSVD erklärte dazu, man habe verschiedene Begriffe aufgenommen, weil es (2014) keine einheitliche Terminologie gab und verschiedene Menschen unterschiedliche Worte bevorzugen. Daher zählen manche Listen faktisch gleiche oder sehr ähnliche Identitäten mehrfach. Kritiker außenstehend sehen dann nur die Zahl X und halten fälschlich X vollkommen unterschiedliche Geschlechter für behauptet.
    • Feinere Identitäten: Manche Labels unterscheiden Aspekte, die im Alltag selten als „eigenes Geschlecht“ gesehen würden. Z. B. „Bigender“ (zwei Geschlechtsidentitäten), „Agender“ (keine Identität), „Genderfluid“ (wechselnde Identität) – all dies sind Selbstbeschreibungen für persönliche Identitätsgefühle. Sie erweitern das Verständnis von Gender, aber sind nicht vergleichbar mit den traditionellen Kategorien Mann/Frau. Eine Liste kann also schnell Dutzende solcher Identitäten sammeln, ohne dass die breite Öffentlichkeit sie alle kennt oder nutzt.
    • Community-Prägungen: Besonders auf Plattformen wie Tumblr entstanden sehr spezifische Begriffe (z. B. “aerogender”, “amicagender”, “voregender” usw.), oft von Einzelpersonen geprägt. Viele davon existieren fast nur in diesen Communities. Eine Masterlist führt sie der Vollständigkeit halber auf – auch wenn vielleicht nur eine Handvoll Menschen sich je so bezeichnete. So kommt etwa die im Netz kursierende Liste von 72 Gendern zustande: Sie enthält neben etablierten Identitäten auch etliche Nischenbegriffe aus Internet-Subkulturen. Die hohe Zahl spiegelt also eher die Kreativität (und teils Satire) der Community wider, nicht eine offiziell anerkannte Vielfalt im täglichen Leben.

    Zusammengefasst: Die Zahlen 72, 76 etc. entstehen durch das Zusammenzählen aller möglichen Bezeichnungen für Geschlechtsidentitäten. Dabei werden Synonyme, Feinabstufungen und seltene Begriffe mitgezählt, um niemanden auszuschließen. Es handelt sich um Labels, nicht um klar trennbare, völlig unterschiedliche Geschlechter im biologischen Sinn. Wenn Gegner der Gender-Vielfalt diese Zahlen ins Feld führen, ziehen sie meist falsch gleich, dass hier „X echte Geschlechter“ gefordert würden – während es in Wahrheit um Identitätsbeschreibungen innerhalb eines breiten Spektrums geht.

    Fazit

    Die oft zitierten Zahlen wie „72 Geschlechter“ haben einen wahren Kern: Sie gehen auf real existierende Listen von Geschlechtsidentitäten zurück – prominent etwa Facebooks erweiterte Gender-Optionen oder Community-Glossare. Seriöse Quellen im Sinne wissenschaftlicher Publikationen nennen solche Fixzahlen jedoch nicht als endgültige Wahrheit; die Zahl ist eher eine praktische Auflistung. Die Werte 72 oder 76 wurden vor allem in sozialen Medien populär, nachdem sie aus dem Kontext gerissen wurden. Sie werden gezielt genutzt, um Spott über Gender-Mainstreaming zu verbreiten, indem man suggeriert, Progressive würden Dutzende absurde Geschlechter „erfinden“.

    Die Analyse zeigt, dass diese Zahlen bewusst missverstanden werden: Die Listen sollten Vielfalt zeigen, keine Verbindlichkeit schaffen. Begriffe in solchen Listen überschneiden sich oft oder sind Spezialfälle – sie sollen Menschen ermöglichen, eine passende Bezeichnung für ihr Identitätsgefühl zu finden, ohne zu behaupten, es gäbe dutzende neue biologische Geschlechterarten. Wer also das nächste Mal von „72 (oder 76…) Geschlechtern“ hört, sollte wissen: Das ist ein Zahlenspiel aus dem Internet. Es gibt nicht eine feststehende Zahl von Geschlechtern, sondern eine offene Vielfalt an Identitäten. Die Zahlen wurden nur zum politischen Schlagwort, meist ohne Verständnis des eigentlichen Kontexts. Seriöse Betrachtung von Gender spricht lieber über Spektren und Identitäten als über das Abzählen von Geschlechtern.

    Quellen: Die Herkunft und Verbreitung der Zahlen wurde anhand verschiedener Belege nachvollzogen – u.a. Facebooks offiziell eingeführte Gender-Optionen, medizinische Infoartikel mit Gender-Glossar, sowie Beispiele dafür, wie diese Zahlen in Debatten eingesetzt werden. Diese Quellen zeigen klar: „72 Geschlechter“ entstammt keinem wissenschaftlichen Konsens, sondern dem Zusammentreffen von gut gemeinter Inklusivität und polemischer Zuspitzung.